Die märkische Schleifenhaube und ihr Verbreitungsgebiet

In der kurzen, nur etwa ein dreiviertel Jahrhundert (1800-1870) dauernden Blütezeit der Volkstrachten wurde die sogenannte Schleifenhaube in vielen der brandenburgischen Regionen getragen. Man fand sie in einem fast geschlossenem Gebiet vom Havelland über den Teltow, den Kreis Beeskow-Storkow bis an die Oder, diese entlang bis hoch in die Uckermark, westlich bis ins Ruppiner Land und die Prignitz, und östlich der Oder bis in die Dörfer um den Pyritzer Weizacker nahe Stettin herum. Die an die Hochfläche des Teltow anschließende Luckenwalder Niederung wurde in der Region Altpreußen genannt. Hier trugen die Bäuerinnen im 19. Jahrhundert die große schwarze Seidenschleife als typische Kopfbedeckung. Daher wird sie auch die Altpreußische Schleifenhaube genannt.

Vom modischen Seidenkopftuch zur Schleifenhaube

Das zur immer größeren Schleife gebundene schwarzseidene Kopftuch, meist über der traditionellen weißen Haube, tauchte in etwa zeitgleich 1815-20 in vielen, aber nicht allen deutschsprachigen Regionen als ländliche Modeneuheit auf, jeweils im Umland großer Handels- und Wirtschaftszentren wie München, Strasbourg, Berlin, Dresden, Frankfurt/Oder und Stettin. Im ausgehenden 18. Jahrhunderts hatte man dort die Nachrichten über die unerhörten Vorkommnisse und Folgen der Revolution in Paris und ganz Frankreich gespannt verfolgt. Alles Neue kam aus Paris, die Mode nun mehr denn je mit sensationellen Neuheiten – der klassizistische Empire-Stil verbreitete sich. In den städtischen und ländlichen Salons des Adels und des Bürgertums wurden die Pariser Modetrends begierig verfolgt und übernommen. Der Ägyptenfeldzug Napoleons in den Jahren 1798-1799 rückte in Europa, das ohnehin schon seit Jahrzehnten ein romantisches Faible fürs Orientalische pflegte, Ägypten mit seiner faszinierenden Kultur und Geschichte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die in Modefragen tonangebende adlige Damenwelt Europas fand es nun besonders schick, zu modischen Empire-Kleidern orientalisch inspirierte Turbane und ähnliche, gewickelte Kopfbedeckungen zu tragen.

Die preußischen, pommerschen und sächsischen Bürgerinnen um diverse große Handelszentren herum scheinen diesem Modetrend der adligen Damen mit entsprechend gebundenen Kopftüchern zunächst gefolgt zu sein, bevor sie ein paar Jahrzehnte später im Zuge der aufblühenden Textilindustrie immer leichter die massenhaft hergestellten und daher preiswerten, bunt bedruckten Kopftücher kaufen konnten. Jedenfalls tauchten in Sachsen und Berlin um 1800 prompt die ersten Darstellungen von städtischen und dem städtischen Bürgertum nahestehenden Mädchen und Frauen auf, die seidene Kopftücher um ihre althergebrachten Hauben wickelten und die Zipfel oben oder über der Stirn zum Knoten banden. Die ersten um den Kopf gebundenen Seidenkopftücher waren offenbar noch farbig und auf dem Scheitel ihrer Trägerin so geknotet, dass die kleinen Zipfel-Enden kaum zu sehen waren. Sie sind in Dresden und der Lausitz ab 1800 nachweisbar, in Berlin ab 1810.

Die große schwarze Schleife entsteht

1830 hingen bei der typischen Berliner Marktfrau die schwarzen Zipfel des Kopftuchknotens nur rechts und links vom Kopf herab, während andere Berlinerinnen sie kürzer ließen. Das Häubchen darunter wurde offenbar zunehmend weggelassen. Draußen auf dem Land dagegen waren die abgeguckten Kopftuchzipfel längst innerhalb weniger Jahre zu schwarzen Riesenschleifen über weißen Häubchen mutiert.

1820 trägt man um das deutsche Trachtengebiet des Pyritzer Weizackers herum (z.B. in Kolbatz nahe Stettin im damaligen Pommern) schon eine Weile die große schwarzseidene Kopfschleife auf kleinem, weißen Häubchen – wie „überall“, nämlich in Prignitz, Havelland, Luckenwalder Niederung, Beeskow-Storkow, Ruppiner Land, Uckermark, und entlang der Oderhandelswege bis hoch nach Stettin. Dafür wurde das mindestens 1,70m große Seidentuch (bei den Oderwenden sogar 2,5m groß!) diagonal zu einer handbreiten Binde gefaltet, um den Kopf gelegt, im Nacken gekreuzt, wieder nach vorn zur Stirn geführt und zur lose auf dem Kopf liegenden großen Schleife gebunden. Die Zipfel wurden hier unter der gefalteten Binde versteckt. Aber schon um 1830 wird diese Kopftracht in Kolbatz und Umgebung wieder abgelegt und gegen ein Kopftuch eingetauscht – offenbar auch aus praktischen Erwägungen: Der Knoten drückte, und das tägliche Binden kostete Zeit und erforderte eine Kunstfertigkeit, die nicht jede Trägerin in zufriedenstellendem Maße erlangte. (nach Franziska Bodenstein, geboren 1820 in Kolbatz, zitiert von Robert Holsten in „Kopftuch und Mütze – Ein Beitrag zur Geschichte der Pommerschen Volkstracht“ in Monatsblätter, Herausgegeben von der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Alterthumskunde, Stettin, 1911)

Die von Fräulein Bodenstein dokumentierte Bindeweise scheint für die märkischen Schleifenhauben überall ähnlich zur Anwendung gekommen zu sein. Aus der Gegend um Treuenbrietzen gab es in der Sammlung von Schloss Wiepersdorf ein Exemplar, bei dem das schwarze Tuch fertig zur Schleife gebunden an der darunterliegenden weißen, mit roten Streublümchen bedruckten Haube festgenäht war. Die Bindebänder waren breite weiße Leinenstreifen, die Nackenschleife ebenfalls (Oskar von Zaborsky, Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, Bd. 2, 1956). Später wurden die langen Zipfel der riesigen Schleifenhauben nicht mehr versteckt, sondern noch mit Fransen und und anderem Besatz hervorgehoben, der das Gesicht der Trägerin dann mehr oder weniger anmutig einrahmte.

Die Schleifenhaube in den märkischen Trachtenregionen

1840 ist eine Trachtenträgerin aus dem Havelland in einem Berliner Monumentalgemälde („Huldigung der preußischen Stände vor Friedrich Wilhelm IV. In Berlin am 15. Oktober 1840“ von Franz Krüger) mit sehr großer schwarzer Schleifenhaube dargestellt.

Um 1850 wird in einem Gemälde, das Alltagsszenen an der St. Annenbrücke in Brandenburg an der Havel zeigt, eine Frau dargestellt, wie sie vom Förster beim Holzdiebstahl ertappt wird. Sie trägt eine typische Havelländer Tracht mit rotkariertem Rock, kurzer blauer Jacke mit Keulenärmeln, weißem Rüschenkragen, weißer Schürze und Schleifenhaube mit schwarzem Tuch auf weißer Haube. Die Zipfel scheinen nicht zur Schleife gebunden zu sein. Wer Holzdiebstahl nötig hat und den Förster um Erbarmen anflehen muss, wird sich wohl auch höchstens ein kleines schwarzes Kopftuch leisten können. Vielleicht war es nicht einmal aus Seide. Aber es war offenbar ein typischer Anblick in Brandenburg an der Havel.

In der Uckermark und im Ruppiner Land wurde die märkische Schleifenhaube ebenfalls getragen („Erntefest in der Uckermark“, Lithographie von 1880, und Weihnachtsbräuche im Ruppiner Land, Gartenlaube, ca. 1880). Und auch hier hat in einigen Darstellungen die Haube keine Schleife , sondern das schwarze Tuch ist nur geknotet und die Zipfel hängen seitlich herab. Seide war teuer. Je größer die Schleife der Haube sein sollte, desto größer musste das verwendete Seidentuch sein. Insofern war die immer größere schwarze Seidenschleife auf dem Kopf der märkischen Trachtenträgerinnen im Laufe der Jahrzehnte sicherlich auch dem allgegenwärtigen Bedürfnis nach Zurschaustellung des wachsenden Wohlstands in der Mark Brandenburg geschuldet.

Kostümkunde-Lithographien aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigen wiederholt die schwarzen Schleifenhauben der Oderwendinnen um Lebus. Überlieferte Fotos, Beschreibungen und Originaltrachtenteile belegen die Haube auch um Aurith und Ziebingen sowie im nördlichen Oderbruch bei Neu-Hardenberg und in Bad Freienwalde (Oderlandmuseum). Die Schleifenhaube war hier aus dickerem Stoff und thronte viel wuchtiger auf dem Kopf als in den anderen Gebieten. Sie wurde hier „Kopplappe“ (=Kopflappen) genannt. In einigen Gegenden an der Oder wurde kein weißes Leinen- oder Baumwollhäubchen, sondern ein besticktes schwarzes Samthäubchen unter dem Kopftuch getragen wurde.

Im Jahr 1900 entstand in Buckow bei Beeskow ein Foto, für das junge Männer und Frauen anlässlich eines Besuchs des Kaisers noch einmal die alte Tracht ihrer Eltern und Großeltern angelegt hatten. Auf diesem Zeitzeugnis sieht man einmal besonders gut, wie sehr die Kleidsamkeit der altpreußischen Schleifenhaube eine Frage der Bindekunst war.

Das Ende der Schleifenhaubenmode

Zusammenfassend kann man sagen, dass die märkischen Bäuerinnen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jung gewesen waren, die Schleifenhaubenmode ihrer Jugend noch bis ins Alter weitertrugen und ab etwa 1880 ablegten. Die Jugend der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bevorzugte zunehmend industriell hergestellte, bunt bedruckte Kopftücher aus Wollmusselin. Diese wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts, spätestens nach dem 2. Weltkrieg dann auch abgelegt.

Wie man die märkische Schleifenhaubentracht heute modern adaptieren kann, wird hier beschrieben. Wie die historische märkische Frauenkleidung aufgebaut war, zeigt der Beitrag „Grundform der märkischen Frauentrachten“. Einen Überblick über Geschichte, Regionen und die moderne Weiterentwicklung gibt „Brandenburger Tracht – Geschichte, Regionen und moderne Looks“.