Bei all euren Experimenten, historische Brandenburger Trachtenelemente in euren Alltag und bei Feierlichkeiten zu übernehmen: Macht euch keine Gedanken, wie eine Brandenburger Tracht “authentisch” auszusehen hat, auch wenn sie sich vielleicht sogar ziemlich “authentisch” rekonstruieren ließe. Dieselben Maßstäbe anzulegen wie vor 100 oder 150 Jahren, hieße, einen Widerspruch zu erschaffen zwischen unserer Kleidung und unseren sittlichen Maßstäben. Unsere moderne Kleidung würde kaum zu unseren Vorfahren und deren Denken passen, und ihre damalige Kleidung passt kaum zu unserem heutigen Denken. Diese Tatsache verdient Berücksichtigung.

Es geht deshalb nicht um Kopieren dessen, was früher war. Es geht um den Charakter der alteingesessenen Brandenburger Landbewohner, der noch da ist und der in unserer Kleidung wieder zum Ausdruck kommen kann. Schon die gedankliche Hinwendung zur traditionellen Kleidung der früheren Generationen als Inspiration für das, was wir in Brandenburg heute anziehen – im Alltag wie zu besonderen Gelegenheiten –, macht einen Unterschied.

Außerdem ist es natürlich unser gutes Recht, uns eine brandenburgische Trachtenkleidung zu erarbeiten, die unsere Verbundenheit mit unseren Vorfahren und ihren Werten zeigen kann und die trotzdem in die heutige Zeit passt. Denn wir heutigen Brandenburger sind die Quelle dessen, was heute brandenburgisch ist.

Nichts, was wir uns auf der Suche nach einer modernen brandenburgischen Tracht aussuchen und ausdenken, ist “nur Fantasie”. Niemand braucht unsere Kreationen als “echt”, “korrekt” oder eben „authentisch“ anzuerkennen. Wir machen kein Reenactment. Wir wollen nicht so tun, als seien wir unsere Vorfahren. Wir wollen wir selbst sein, als ihre Nachkommen auf diesem Land. Und wenn wir der Meinung sind, das eine oder andere Merkmal ihrer damaligen Kleidung in unserer heutigen Kleidung verwenden zu wollen, dann brauchen wir dafür keine Genehmigung, kein Zertifikat und kein Gütesiegel. Dass es uns gefällt und wir es für geeignet halten, macht es geeignet. Und worin wir uns nicht wohlfühlen, das bleibt weg oder wird so geändert, dass sich richtig für uns anfühlt. Fertig.

Was auch immer eure Herangehensweise ist, ob ganz dezent, etwas mutiger oder sogar herausfordernd historisch – ihr selbst seid der einzige Maßstab, ob es richtig ist, was ihr euch ausgesucht habt, um eure Identität als Brandenburger mit eurer Kleidung auszudrücken. Wenn ihr selbst nähen (lassen) wollt, käme das natürlich den alten Trachten am nächsten und man kann Schnitt und Material gezielt an sie und an euren persönlichen Stil anpassen.

Wenn euch das aber zu kompliziert oder zu aufwändig ist, werdet ihr auch bei Angeboten von der Stange viel Passendes finden. Es gibt heutzutage jede Menge Auswahl, neu wie aus zweiter Hand. Es ist auch völlig in Ordnung, wenn ihr erst einmal nur ein einziges oder zwei traditionelle Trachtenelemente, mit denen ihr für den Anfang am ehesten klarkommt, probieren wollt. Es gibt keine Vorschriften dafür, wo Tracht anfängt. Es muss euch selbst gefallen, wenn ihr in den Spiegel schaut, und ihr solltet das Gefühl haben, das fortzusetzen, womit frühere Brandenburger angefangen haben.

Trachten hatten bei ihrer Entstehung vor über 100 Jahren die Regel zur Grundlage, nicht die Ausnahme. Tracht war, was alle Angehörigen einer bestimmten Gruppe trugen. Wenn man heute typische regionale Trachten wiederbeleben und sich damit von der global vorherrschende Einheitsmode und den dazugehörigen Werten abwenden will, macht man sich zur Ausnahme. Dann ist Tracht heute gewissermaßen das Gegenteil dessen, was sie früher war – nicht Anpassen an die herrschenden Regeln, sondern bewusstes Abweichen.

Alles ändert sich, und wir dürfen ändern, was uns nicht gefällt, weil wir die Quelle der Tracht von heute sind. Tracht ist das, was WIR tragen.