Die Volkstracht des 19. Jahrhunderts war auch in Brandenburg weit mehr als Kleidung. Sie war Ausdruck eines jahrtausendealten Wertesystems, das den Alltag der Landbevölkerung prägte. Dieses Wertesystem hat sich in den vergangenen 100 Jahren tiefgreifend verändert. Es hatte seine Stärken und seine Schwächen. Wie auch immer man heute zu den damaligen gemeinschaftlich für richtig gehaltenen moralischen Leitlinien steht – sie sind von der Gestaltung der Kleidung der märkischen Landbewohner jener Zeit nicht zu trennen.

Genau deshalb ist Tracht auch heute mehr als historische Kleidung. Wer sich von ihr inspirieren lässt, begegnet nicht nur Stoffen und Schnitten, sondern einer völlig anderen Vorstellung davon, wie Menschen zusammenleben.

Daraus ergibt sich ein interessanter Widerspruch, denn insbesondere bei der Frauenkleidung sind wir deutlich stärker sexualisierten Anblick gewöhnt. Wer sich also heute von den märkischen Trachten des 19. Jahrhunderts inspirieren lassen will, wird kaum darum herumkommen, sich auch mit seiner eigenen Haltung auseinanderzusetzen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Dirndl. Das moderne Dirndl, als heutiger weltweiter Inbegriff der „deutschen“ Tracht, entstand unter ganz anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen als die Volkstracht, der es nachempfunden wurde. Schon bei seiner Entstehung am Ende des 19. Jahrhunderts ist es sehr viel mehr städtische Interpretation der alpenländischen Volkstracht als echte Kleidungswirklichkeit der ländlichen Bevölkerung. Die idealerweise dralle junge „Bauerndirn“ war Objekt der Begierde der städtischen Männerwelt (siehe Theodor Hosemanns Lithographie „Landpartie“ und einige andere seiner Darstellungen), und diese Attraktivität wurde beim Imitieren des Äußeren eines Landmädchens per Dirndl entsprechend modisch interpretiert.

Ein Landmädchen, dem sein Ruf wichtig war, trug keine tiefausgeschnittenen Mieder und präsentierte halbnackte Schultern, selbst im heißesten Sommer nicht – jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Anstand war ein hohes Gut in der dörflichen Kulturgemeinschaft, und zwar nicht aus verbiestertem Jugendhass, sondern aus der Lebenserfahrung ungezählter Generationen heraus. Die Älteren wussten, wie wichtig stabile Familien für das gemeinsame Überleben waren.

Damals gab es keine Sozialversicherung, keine Krankenversicherung, keine Rentenversicherung oder ähnliche Unterstützung. Die Familie und die Dorfgemeinschaft waren die soziale Absicherung. Deshalb war Zusammenhalt keine Privatangelegenheit, sondern eine Existenzfrage für alle.

Auch Kleidung war unter diesen Bedingungen keine Privatsache. Kleidung war Ausdruck von Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, der man angehörte. Deshalb war die Einhaltung der gemeinsam gelebten Regeln so wichtig. Man übermittelte den Anderen, dass man zuverlässig und damit vertrauenswürdig war. Das war von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wer selbst zuverlässig war, konnte eher auf die Unterstützung der Anderen zählen, denn er wurde als Ressource und nicht als potentielle Gefährdung wahrgenommen.

Das Dorf war ja eine Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam den Bedrohungen von außen und im Inneren trotzen musste. Die Menschen kannten sich fast alle von Kindesbeinen an und wussten über jeden Einzelnen und seine Familie bestens bescheid. Jeder beobachtete und bewertete jeden, nicht aus Bosheit oder Borniertheit, sondern aus Sicherheitsbedürfnis. Jeder war auf die Gemeinschaft angewiesen und verstärkte mit seinen Fähigkeiten und seiner Verantwortungsbereitschaft die Widerstandsfähigkeit aller.

Deshalb gab es strenge Regeln, nicht nur für anständiges Verhalten, sondern auch für anständige Kleidung. Die Einhaltung der Tracht repräsentierte die Einhaltung der bewährten Regeln. Für den Einzelnen konnte diese aufmerksame Gemeinschaft sich wie ein regelrechtes Gefängnis anfühlen, denn bei gegebenem Anlass wurde man von den Anderen rigoros sanktioniert.

Wie jede Generation stellte auch die Jugend des 19. Jahrhunderts bestehende Regeln infrage und drängte auf Veränderung. Viele der Regeln erschienen unnötig streng, obwohl sie sich über Generationen als tragfähig erwiesen und der Dorfgemeinschaft Stabilität verschafft hatten.

Während die historischen Volkstrachten also nicht als Mode entstanden, ist das bei Trachten von heute durchaus anders. Sie sind eine Form von Mode, in der Herkunft und Tradition in Kleidung ihren bewussten Ausdruck finden. Früher war Tracht für ihre Träger die selbstverständliche Art sich zu kleiden. Heute gibt es unendlich viele Optionen, und wenn man ausgerechnet Tracht wählt, hat das auch etwas zu bedeuten.

Fazit: Wenn man sich heute von den historischen Trachten des 19. Jahrhunderts inspirieren lässt, ist es eine lohnenswerte Überlegung, dass diese Kleidung aus einer Kultur stammt, in der Kleidung, Verhalten und gemeinschaftliche Verantwortung eng miteinander verbunden waren. Man muss diese Werte nicht unverändert übernehmen. Aber man sollte wissen, dass diese Kleidung ohne ihren kulturellen Hintergrund nie vollständig verstanden werden kann.

Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Wiederentdeckung der Tracht: nicht im Kleiderschrank, sondern im Verständnis dessen, wofür sie einmal stand.