Praktischerweise ist die Auswahl an fertig genähten Dirndlvarianten heutzutage riesengroß. Gebrauchte wie neue Dirndl gibt es fast wie Sand am Meer. Man hat tatsächlich die Qual der Wahl. Sucht euch aus, was euer Portemonnaie erlaubt. Nur – welcher Schnitt, welches Material kommt dem, was für Brandenburg typisch war, am nächsten?
Allgemein kann man sagen, dass Dirndl mit schwarzem Samtmieder ohne Schnürung die beste Grundlage für die moderne Brandenburger Tracht bilden.
Rock und Schürze können ganz nach eurem Geschmack ausgesucht werden. Traditionell wären Rot (Mädchen und junge Frauen), Grün, Blau, Braun, Violett (ältere Frauen) oder Schwarz (Kirche und Trauer) für den Rock, gern mit Bänder- oder Bortenbesatz in Saumnähe. Gestreift, kariert und geblümt gab es im Laufe der Zeit ebenso wie einfarbig – sowohl für Rock als auch für Schürze. entscheidet einfach nach eurem Geschmack.
Die Bluse hätte traditionell spitzenverzierte kurze oder halblange Ärmel oder Puffärmel bis zum halben Oberarm – aber auch das kann nach Geschmack angepasst werden. Wer sich an die Tradition halten will, müsste auf tiefe Blusenausschnitte verzichten. Hochgeschlossen geknöpft oder nah am Hals in Falten geriehen und zugebunden wäre besser. Dennoch: Erlaubt ist, was gefällt. Eure Interpretation der früheren brandenburgischen Trachten ist eure ganz persönliche Kreation. Ihr sollt euch wohlfühlen darin.
Im Grunde genommen unverzichtbar wäre das Schultertuch, auch Brust- oder Halstuch genannt, das in Farbe und Muster ebenfalls ganz nach heutigem Geschmack ausgesucht werden kann. Es sollte etwa 70 cm Kantenlänge haben und vorn in den Schürzenbund gesteckt werden. Wer kein Schultertuch tragen möchte, kann es auch weglassen oder ein kleines, z.B. seidenes Halstuch umbinden.
Typisch brandenburgische Ergänzung zum Dirndl wären außerdem der weiße Rüschenkragen (vorwiegend westlich von Berlin sowie entlang der Oder) und die große schwarze Schleife im Haar (so gut wie überall außer Oberhavel, Fläming und Spreewald).
Hintergrundinfos:
Der Kleidrock mit schwarzem (Samt-)Mieder dürfte in allen Trachtenregionen Brandenburgs verbreitet gewesen sein. Für die meisten Regionen sind aber nur wenige entsprechende Informationen überliefert. Was ich an Bildmaterial bisher gefunden habe, lässt darauf schließen, dass wir die in den südbrandenburgischen Trachtenregionen sehr verbreiteten Kleidröcke mit schwarzem Samtmieder durchaus für alle anderen Regionen übernehmen können. Bei den Oderwenden um Aurith und Ziebingen sowie vermutlich im Gebiet Beeskow-Storkow sind Rock und Mieder zum Schluss getrennt getragen worden.
Das schwarze Mieder, meist aus Samt, ist traditionell ein Muss. Aber niemand verbietet uns, heute nach Geschmack andere Farben, Bänderbesatz und bunte Stickerei ins Spiel zu bringen. Ein tiefer Balkonettausschnitt hat zwar historisch wenig mit Brandenburger Trachten zu tun. Andererseits waren die Miederausschnitte um 1850 wohl durchaus recht knapp über der Brust gehalten. Ich würde bei tiefem Dirndlausschnitt wenigstens versuchen, auf gerade geschnittene Träger zu achten. Ansonsten empfehle ich eher runde Ausschnitte bis etwa auf die Höhe wie bei einem normalen Trägerhemd.
Der Rock des Dirndls kann in Länge, Weite und Stoffart fast frei gewählt werden, wenn die klassische faltenreiche und waden- bis knöchellange Ausführung nicht gefällt. Je weiter man zurückgehen möchte, desto typischer sind senkrechte Streifenmuster wie sie bei vielen Röcken der 1980er und 1990er Trachtenmode zu finden sind. In einigen Fällen war der Rock auch quergestreift. Die alten Röcke der Bäuerinnen waren kaum mehr als knielang, aus praktischen Gründen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sie in Anpassung an die städtische Mode bis zu knöchellang. Historisch wären Wolle und Leinen das richtige Material, aber Baumwolle kam zum Ende der Trachtenzeit immer mehr ins Spiel, passt also auch.
Für den Alltag bieten sich die kleingemusterten Baumwollstoffe der sogenannten Waschdirndl an, hier mit ebenfalls rundem, nicht zu tiefem Ausschnitt, oder auch gern hochgeschlossen mit kragenlosem rundem Ausschnitt. Die typischen Stehkragen der Oktoberfestmode haben in den brandenburgischen Frauentrachten historisch keinen Platz. Aber warum sollen sie heute nicht als modischer Einfluss aus Süddeutschland getragen werden? Tracht ist lebendig wie ihre Träger. Sie verändert sich mit dem Zeitgeschmack, oder sie stirbt.
Die meisten heute im Handel üblichen Dirndlschürzen sind rocklang und hüftbreit mit langem Schürzenband zum vorn Binden. Diese Länge und Breite würde zu den überlieferten Abbildungen aus den nördlich von Berlin liegenden Gebieten Ruppin und Uckermark passen. Für die Gebiete südlich von Berlin wären sie zu schmal – wenn man es traditionell haben möchte. In Havelland, Zauche, Luckenwalder Niederung und Beeskow-Storkow reichten die Schürzen eher weit über die Hüften nach hinten, so dass nur wenig vom Rock zu sehen war. Aber nichts muss bleiben, wie es war.
Die schwarze Schleife im Haar geht zurück auf die in Brandenburg am weiteresten verbreitete Kopfbedeckung der Frauen: die Schleifenhaube aus weißem oder mit Streublümchen bedrucktem weißem Häubchen und großem schwarzseidenen Tuch, das als Binde über das Häubchen gelegt und oben auf dem Kopf geknotet oder zur möglichst großen Schleife gebunden wurde. Die Mode kam im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf und wurde bis spätestens 1880 wieder abgelegt. Abgelöst wurde sie vom rosenbedruckten Kopftuch aus Wollmusselin mit Fransen an den Kanten. Die letzten bekannten Fotos und Videos mit der Schleifenhaube wurden um die Jahrhundertwende aufgenommen.
Wenn ihr Brandenburger Tracht als Gruppe gemeinsam tragen wollt, sprecht euch einfach ab, welche Farben und Details für euch typisch sein sollen.

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