Muss man zum Oktoberfest Dirndl oder Lederhose tragen?

Nein, natürlich nicht. Oktoberfeste sind zwar eine Tradition, die aus München in Bayern kommt und zu der man üblicherweise alpenländisch inspirierte Trachtenmode anzieht, aber das ist keine Pflicht. Dirndl und Lederhose passen thematisch und machen fast immer eine gute Figur. Mit Dirndl oder bayerischer Lederhose ist man „auf der Wies’n“ mit Sicherheit passend angezogen. Aber gerade in Brandenburg gibt es eine interessante Alternative.

Denn man kann aus der vielfältigen Trachtentradition Brandenburgs schöpfen und „Tracht von hier“ tragen. Dann sieht man zwar nicht mehr ganz so bayerisch aus, dafür aber umso brandenburgischer. Was spricht dagegen, einfach mal als Märker oder Märkerin zum Oktoberfest zu gehen? Nichts, oder?

Die brandenburgische Alternative zum Oktoberfest-Outfit

In Brandenburg hatte jede Region ihre eigene Tracht, auch wenn man ganz schön suchen muss, um heute noch Überlieferungen dazu zu finden. Es gab nicht die eine brandenburgische Tracht, wie es auch nicht die eine bayerische Tracht gab. Aber es gab Gemeinsamkeiten und typische Merkmale, auf die man sich heute beziehen kann.

Für ein modernes Oktoberfest-Outfit muss aber auch keine historische Brandenburger Tracht rekonstruiert werden. Schon bestimmte Farben, Kleidungsstücke und Kombinationen können einen regionalen Bezug sichtbar machen.

Grundsätzlich kann man sagen, die märkische Frauentracht lebte fast überall vom Gegensatz aus Schwarz (Schleifehaube, Mieder, Jacke, Schuhe), Weiß (Blusenärmel und Rüschenkragen) und lebensfroher Farbenpracht (Rock, Schürze und Bänder).

Wie das aussehen kann, zeigen folgende Beispiele. Sie reichen vom fertigen Dirndl, das mit ein, zwei Accessoires „brandenburgisiert“ werden kann, bis zu Kombinationen, die sich stärker an überlieferten Farben und Kleidungsstücken orientieren.

Oktoberfest-Outfit für Frauen in Brandenburg

Mit vorhandenem Dirndl

Märkisch inspiriertes Dirndl mit weißem Spitzenschultertuch und Puffärmeln
Gekauftes Dirndl aus Jacquardstoff in Grün mit hellblauer Schürze, dazu Dirndlbluse mit Puffärmeln und leichtes Schultertuch aus weißer Spitze

Wenn ihr ein Dirndl habt, dessen Mieder vorn keine Zierschnürung hat, passt das schon mal hervorragend, denn die Brandenburger Mieder wurden in fast allen Regionen zugehakt oder zugeknöpft. Ein runder Ausschnitt kommt der märkischen Tradition ebenfalls entgegen. Wenn euer Dirndl anders aussieht, ist das aber auch nicht schlimm.

Tragt ihr dazu eine Dirndlbluse mit Flügel- oder Puffärmeln, passt das gut, aber auch glatte kurze oder halblange Ärmel eignen sich prima. Am dichtesten an der märkischen Tradition sind Dirndlblusen aus undurchsichtigem weißen Stoff, mit Spitzenverzierung an den Ärmeln. Der Ausschnitt kann züchtig hochgeschlossen mit Rüschenkragen sein, das wäre sogar sehr traditionell märkisch. Aber ein Oktoberfest macht mit ordentlich Dekolleté erst richtig Spaß, stimmt’s? Also gönnt euch eins, wir leben ja im Heute.

Vier Frauen in historischer Tracht des Dahmer Landes mit Miedern, langen Röcken, Schürzen, Brusttüchern und Schmuckbändern und Kopftüchern
Historische Frauentracht aus dem Dahmer Land um Dahme (Mark)

Rock und Schürze sind absolut variabel. Tragt, was euch gefällt und ihr euch leisten könnt. Etwas anderes haben unsere Vorfahren auch nicht getan. Traditionell hätte der Rock mindestens Midi-Länge, die Schürze kann kürzer oder länger als der Rock oder gleichlang mit ihm sein. Heute sind recht schmale Schürzen üblich, früher reichte die Schürze aber mindestens bis über die Hüfte, weil sie nicht in erster Linie Schmuck war, sondern den Rock vor Verschmutzung schützen sollte.

Das deutlichste und gleichzeitig unkomplizierteste märkische Element der Frauentracht wäre die große schwarze Schleife oder ein schwarzes Haarband im Haar – als Erinnerung an die einst weitverbreitete märkische Schleifenhaube, die oben auf dem Kopf eine schwarze Seidenschleife hatte.

Märkische Schleifenhaube aus den Buschdörfern bei Treuenbrietzen, Vorder- und Seitenansicht
Schleifenhaube aus den Buschdörfern bei Treuenbrietzen, um 1870. Sammlung Schloss Wiepersdorf (Kriegsverlust). Nach O. v. Zaborsky

Wer den traditionellen großen weißen Rüschenkragen, der vor allem zwischen Havelland und Oder verbreitet war, nicht tragen möchte, kann stattdessen eine Dirndlbluse mit Rüschen am Ausschnitt tragen – oder ein weißes Spitzentuch um die Schultern legen und im Miederausschnitt verschwinden lassen. Das wirkt sehr weiblich und kleidsam.

Weitere mögliche Accessoires sind die buntgeblümten Webbänder, mit denen man jedes Ton-in-Ton-Dirndl aufpeppen kann. Die breiten dienten als Taillenband mit Schleife wie bei den Spreewaldtrachten, die schmalen wurden wie ein Halsband um den Hals gelegt, mit Schleife und lang herabhängenden Bändern hinten im Nacken.

Die Schuhe sind am besten schwarz, aber auch das ist kein Muss.

Mit Rock, Bluse und Mieder

Märkisch inspirierter Dirndl-Look fürs Oktoberfest
Märkisch inspirierter Oktoberfest-Look für die traditionsbewusste Brandenburgerin

Hier gilt dasselbe wie für fertige Dirndl, nur dass ihr mehr Spielraum habt, um euch euer Outfit passend zusammenzustellen. Typisch märkisch wäre das schwarze Samtmieder mit rundem Ausschnitt und mit Knöpfen oder Haken zum Schließen. Es kann ein Schößchen haben, auch wenn das in der Mark eher nicht üblich war.

Bei den Röcken und Schürzen tobt euch aus, wie es euch gefällt. Die ältesten Röcke waren buntgestreift, später waren einfarbig rote Röcke für Mädchen und junge Frauen und grüne für verheiratete und ältere Frauen üblich, aber auch blau, braun, lila und schwarz.

Erntekranz, Illustration von Theodor Hosemann von 1846
Darstellung eines Erntefestes, vermutlich in der Mark, Illustration von Theodor Hosemann von 1846

Die Schürzen waren früher immer aus Leinen oder Seide, dann aus Baumwolle, Seide oder Spitze. In den letzten Jahrzehnten der Brandenburger Volkstrachten leistete man sich zunehmend feinste, industriell hergestellte Stoffe. Also: alles geht, was euch gefällt. Wer sicher auf der historischen Seite sein will, kombiniert das schwarze Samtmieder mit weißem Rüschenkragen und spitzenbesetzten Blusenärmeln, rotem Midi-Rock und weißer Schürze.

Oderwendin aus dem Oderbruch gemalt von Theodor Hosemann
Oderwendin in Alltagstracht mit kleingeblümtem und seidenbandbesetztem Samtmieder, rotem Rock und weißer Schürze „Überfallkragen“ (Fontane) an der Bluse, Ausschnitt aus dem Gemälde „Die Kirschenernte“ des Berliner Malers Theodor Hosemann von 1863

Bei festlichen Anlässen wurde mit Stolz ein großes, geblümtes Schultertuch getragen, dessen lange Zipfel hinter den Schürzenbund gesteckt wurden. Historisch wunderschön, fürs Oktoberfest aber etwas hinderlich, wenn ihr euer Dekolleté präsentieren wollt. Als Alternative bietet sich das modische weiße Spitzentuch an, vielleicht sogar mit Rüschen am Rand, das ihr um die Schultern drapieren und dessen Zipfel ihr in den Miederausschnitt stecken könnt.

Oktoberfest-Look für die traditionsbewusste Brandenburgerin
Märkisches Frauen-Outfit zum Oktoberfest, inspiriert von historischen Volkstrachten Brandenburgs

Als Kopfschmuck ein schwarzes Haarband oder eine schwarze Schleife, dazu vielleicht noch ein buntgeblümtes Band um die Taille, und das märkische Oktoberfest-Outfit ist fertig!

Modern und nur leicht trachtig

Wer weder Dirndl noch ein komplettes Trachtenset anziehen, aber dennoch ein bisschen traditionell märkisch aussehen will, dem bleibt immer das schwarze Samtmieder als zentrales Kleidungsstück.

Rüschen sind gerade wieder in, also könnte man eine Bluse mit Rüschenkragen dazu anziehen. Eine weiße Schluppenbluse käme auch in Frage. Ihre große Schleife am Halsausschnitt würde dann an die markante weiße Kinnschleife der früher fast überall in der Mark verbreiteten Schleifenhaube erinnern.

Dazu Hose oder Rock nach Geschmack und vielleicht auch eine Trachtenjacke mit schmeichelndem Schößchen und einer auffälligen Reihe von Metallknöpfen.

Ergänzt werden könnte auch dieses Outfit mit dem weißen Spitzenschultertuch und schwarzen Haarschmuck.

Oktoberfest-Outfit für Männer in Bandenburg

Man kann ein Brandenburger sein und als Bayer aufs Oktoberfest gehen. Man kann aber auch ein Brandenburger sein und als Brandenburger hingehen. Wer sich für die letztgenannte Möglichkeit interessiert, für den gibt es hier ein paar Tipps.

Mit Weste, Halstuch und Kniebundhosen

Zwei Oktoberfest-Looks für Brandenburger Männer
Links: Bierkutscherweste und Knickerbocker zu zünftigen Schaftstiefeln; Rechts: blaue Trachtenweste aus Samt zu traditionellen Lederkniebundhosen und blauer Kabanjacke

Fast jede klassische Herrenweste lässt sich heute für ein märkisch inspiriertes Outfit verwenden. Denn der märkische Mann ging bestmöglich mit der Mode. Seine Weste war in älterer Zeit hochgeschlossen, erst ohne, später mit Stehkragen, erst hüftlang, dann taillenkurz. Ab Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der spitze Ausschnitt der Gründerzeitmode durch. Bis dahin waren auch Metallknöpfe äußerst beliebt. So beliebt, dass zusätzlich zur eigentlichen Knopfreihe weitere Reihen als Schmuck angenäht wurden.
Nur eins ging jedenfalls früher gar nicht – ohne Weste! Also was auch immer für eine Weste ihr im Kleiderschrank habt – zieht sie an, und ihr seid einem märkisch inspirierten Männeroutfit ein gutes Stück näher. Dazu idealerweise ein weißes oder wenigstens helles Hemd und ein Halstuch mit „Pionierknoten“. In Brandenburg war es früher selbstverständlich, als Mann ein Halstuch zu tragen, vorzugsweise ein rotes.

Auf Lederhosen muss nicht verzichten, wer „märkisch gehen“ will. Sie waren auch in Brandenburg lange selbstverständlicher Teil der historischen Männerkleidung. Dazu trug man dann vorzugsweise hohe schwarze Schaftstiefel.

Tanzender Mann in historischer Tracht des Ruppiner Landes mit Kniehose, Weste, Jacke und Pelzmütze
Männertracht des Ruppiner Landes um Neuruppin

Als Jacke eignet sich statt des bayerischen Jankers zum Beispiel eine blaue Kabanjacke. Die stammt zwar ursprünglich aus Frankreich, greift mit ihrem breiten Reverskragen aber ein Merkmal auf, das auch bei märkischen Männerjacken und -mänteln vorkam. In Dunkelblau passt sie außerdem hervorragend in die überlieferte märkische Farbwelt.

Wer herausfordernd drauf ist, setzt sich dazu Opas Schirmmütze auf. Da die jungen Märker die jeweils aktuelle Hutmode nach Möglichkeit immer sofort mitmachten, könnte man diese Tradition heute sogar mit einem schlichten einfarbigen Basecap weiterspinnen. Lasst euch nichts anderes erzählen. Tracht ist, was getragen wird!

Junger Mann mit altmodischer Schirmmütze und klassischer Weste in Dunkelblau
Opas Weste und Schirmmütze – geerbt und weitergetragen

Mit Jacke, Weste und Hose

Märkische Männer-Outfits, historisch inspiriert
Vier moderne Männerlooks, inspiriert von historischen Brandenburger Männertrachten

Eine umfassendere, ebenso ausdrucksvolle Möglichkeit wäre der moderne Anzug. Tatsächlich. Denn Jacke+Weste+Hose sind seit Jahrhunderten fester Bestandteil der europäischen Männerkleidung. Die märkische Männertracht machte darüber hinaus eine besondere Farbentwicklung durch: von ungefärbtem Leinen und ungefärbter Wolle über mit Preußischblau gefärbte Stoffe und später tiefes Dunkelblau bis hin zum vornehmen schwarzen Wolltuch.

Also stehen euch legere Leinenanzüge inklusive Weste in Naturfarben, aber auch blaue Anzüge zur Auswahl. Oder normale feierliche Anzüge in Mittelblau bis Marine oder schließlich in klassischem Schwarz. Sucht euch aus, worin ihr euch als Märker von heute am ehesten wohlfühlt.

Die Brandenburger Männer liebten früher glänzende Metallknöpfe. Je mehr, je lieber. Wenn euch das anspricht, lässt sich gerade in der Trachtenmode viel Passendes finden. Die Auswahl ist ja riesig.

Festlich mit Jackett oder Gehrock

Moderner Männerlook in Schwarz mit Gehrock, historisch inspiriert
Moderner Look mit Gehrock in Schwarz für traditionsbewusste Brandenburger Männer

Nicht zuletzt könnt ihr euch zum Oktoberfest einfach nur klassisch „feinmachen“ im Anzug eurer Wahl. Wenn ihr ein Jackett in Gehrocklänge findet, ist das auch eine gute Idee. Denn im späteren 19. Jahrhundert wurde der etwa oberschenkellange schwarze Gehrock schließlich zum Inbegriff märkischer Männerwürde.

Statt Krawatte oder Fliege, die viele ohnehin nicht mögen, könnt ihr den strengen Look mit dem märkischen roten Halstuch brechen.