Wenn heutzutage in Brandenburg von Tracht die Rede ist, dann sind entweder die allseits bekannte Spreewald– oder die seit der Wende nach und nach wiederbelebte Flämingtracht gemeint – oder Oktoberfestmode. Wer recherchiert, findet im Internet verstreut ein paar seltsame alte Bilder von Oder und Havel, die dem Betrachter von heute nicht sehr attraktiv erscheinen. Nichts, was man heute anziehen könnte, ohne sich kostümiert vorzukommen. Insgesamt entsteht beim Suchenden leicht der Eindruck, es habe nördlich von Spreewald und Fläming gar keine „echten“ brandenburgischen oder märkischen Trachten gegeben.

Ältere Form der Spreewaldtracht, vermutlich um 1860

In vielen Gegenden ging sie auch tatsächlich früh verloren, in einigen wenigen entwickelte sich gar keine, weil es nur abhängige Landarbeiter, aber kaum freie, wohlhabende Bauern gab. Die historischen Volkstrachten, von denen hier die Rede ist, waren vor allem bäuerliche Trachten. Sie entstanden dort besonders ausgeprägt, wo eine wirtschaftlich selbständige Landbevölkerung genügend Wohlstand besaß, um eine eigene Festkleidung auszubilden.

Heute freilich kann Tracht mehr sein. Eine moderne Tracht für Brandenburger ist nicht an den Stand gebunden. Wer dazugehören möchte, für den ist sie da. Jeder wählt sie für sich aus oder lässt es bleiben. Es gibt keine Vorschriften. Niemand muss belegen, dass er „richtig“ angezogen ist. Es muss ihm oder ihr gefallen, und es sollte ihm oder ihr das Gefühl geben, mit der brandenburgischen Heimat verbunden zu sein. Das ist schon alles. Das ist moderne Tracht.

Gab es überhaupt eine Brandenburger Tracht?

Trachtdarstellung nach Erinnerungen von Frl. Franziska Bodenstein (geb. 1820 in Kolbatz, Pommern), später als frühe Weizackertracht veröffentlicht

Die historischen Landschaften Brandenburgs deckten sich weder politisch noch kulturell mit den heutigen Landesgrenzen. Und damals mehr noch als heute waren die Landbewohner in den verschiedenen Regionen durchaus unterschiedlichen örtlichen Lebensumständen ausgesetzt und ihre Kleidung entwickelte sich entsprechend vielfältig. Dennoch gab es auch Einflüsse, die in ganz Brandenburg ihre Wirkung zeigten. Dementsprechend war die Kleidung der Brandenburger in gewissem Maße sehr ähnlich, aber in mancher Hinsicht auch sehr unterschiedlich.

Die Männertracht war z.B. geprägt von den blauen, rot gefütterten Uniformen des preußischen Heeres, da diese von guter Qualität waren und gerade die wertvollen, schweren Mäntel auf Königsbefehl an die Landbewohner verteilt wurden, wenn sie für die Soldaten nicht mehr gut genug waren. Dort taten die Uniformmäntel noch jahrelang ihren Dienst in Wind und Wetter. Schließlich wurden davon wohl die Schnitte abgenommen und neue lange Mäntel und kurze Jacken mit ähnlichem Erscheinungsbild geschneidert.

Preußische Soldaten in ihren typischen kräftigblauen, rot gefütterten Wolluniformmänteln

In den Dörfern, die nahe größerer Städte lagen, sahen die Bauern, wenn sie auf die Märkte fuhren, die wohlhabenden Bürger und deren Bedienstete in der neusten städtischen Mode und eiferten ihnen nach. Die traditionelle Männerkleidung verschwindet immer als erstes, das ist überall auf der Welt so. Aber auch die Marktfrauen vom Dorf übernahmen städtische Kleidungsstücke, um daheim aufzutrumpfen.

Junge Bäuerin aus dem Elbe-Elster-Kreis, als Beispiel für weitverbreitete Keulenärmeljacke des Empire und der Biedermeierzeit
Keulenärmeljacke der Tracht im Elbe-Elster-Kreis an der Südseite des Fläming, Diese Jackenform war in der ersten Hälfte des 19. Jhs. städtische Mode und wurde auf dem Land bis Ende des Jh. getragen

So findet man die kurzen Spencer mit Keulenärmeln der Biedermeierzeit, welche auf dem Land die Schößchenjacken des Barock ablösten, auch in einigen märkischen Bauerntrachten wieder, wo sie von den ältesten Frauen noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts getragen wurden.

Tracht mit märkischer Schleifenhaube aus dem Havelland, kolorierte Lithographie, etwa Mitte 19. Jahrhundert
Havelländische Schleifenhaubentracht, um 1850, kolorierte Lithografie

Und dann war da die Schleifenhaube, meist unspektakulär „Mütze und Kopftuch“ genannt. Offenbar innerhalb von vergleichsweise wenigen Jahren verbreitete sie sich in fast ganz Brandenburg bis hinüber ins heutige Polen und blieb einige Jahrzehnte bei den brandenburgischen Landbewohnerinnen in Mode. Es handelte sich um eine einfache, eng am Kopf anliegende Leinenhaube, deren Rückteil oft kunstvoll bestickt war und die mit weißen Bändern unter dem Kinn festgebunden und im Nacken mit einem ebenfalls weißen Band zusammengezogen wurde. Über diese „Mütze“ wurde ein großes, schwarzes, zur Binde gefaltetes Seidentuch gelegt, von der Stirn her im Nacken gekreuzt und oben auf dem Kopf festgeknotet.

Märkische Schleifenhaube aus den Buschdörfern bei Treuenbrietzen, Vorder- und Seitenansicht
Schleifenhaube aus den Buschdörfern bei Treuenbrietzen, um 1870. Sammlung Schloss Wiepersdorf (Kriegsverlust). Nach O. v. Zaborsky
Tracht der „Buschdörfer“ bei Treuenbrietzen mit monumentaler Schleifenhaube, um 1900

Anfangs waren die Zipfel nur klein und wurden weggesteckt, dann wippten sie immer vorwitziger über dem Scheitel ihrer Trägerin, und schließlich wuchsen sie im Wettbewerb um die größte Schleife zu monströsen Kuriositäten an. Die jüngeren Frauen wollten solche Ungetüme dann nicht mehr tragen und nahmen lieber bunte Rosenkopftücher, die viel praktischer und inzwischen überall zu haben waren.

Die Trachtenregionen Brandenburgs

Die verschiedenen Regionen ergaben sich üblicherweise daraus, dass schon damals ein oder mehrere Wirtschaftszentren ihr Einzugsgebiet aus den umliegenden Dörfern hatten. In der Regel waren das Städte, manchmal aber auch große ländliche Adelssitze.

Karte der Trachtenregionen Brandenburgs mit regional unterschiedlichen Haubenformen
Trachtenregionen im heutigen Brandenburg und angrenzenden historischen Regionen, dargestellt anhand charakteristischer Haubenformen.

Im Wesentlichen sind im heutigen Land Brandenburg folgende Trachtenregionen zu nennen:

Tracht in der Prignitz
Tracht im Ruppiner Land
Uckermärkische Tracht
Tracht im Oderbruch
Tracht im Lebuser Land
Tracht der Oderwenden
Tracht im Kreis Beeskow-Storkow
Tracht der Niederlausitz (Sorben)
Tracht im Dahmer Land und Ländchen Bärwalde
Tracht des Niederen Fläming
Tracht des Hohen Fläming
Tracht im Elbe-Elster-Kreis
Tracht der Luckenwalder Niederung
Tracht der Zauche
Havelländische Tracht
Oberhavelländische Tracht

Einige Regionen sind von weitgehend einheitlicher Tracht bestimmt, andere eher geographisch eingegrenzt mit z.T. sehr unterschiedlichen Trachtenmerkmalen. Es gab also nicht unbedingt genau eine Tracht pro Region, und nicht jede Tracht beschränkte sich auf genau eine Region. Wo Trachtengebiete aneinandergrenzten, gab es immer auch Vermischungen, z.B. durch Heirat. Üblicherweise wurde erwartet, dass die Hinzugezogenen die örtliche Tracht übernahmen.

Wie sah Brandenburger Frauentracht aus?

Die häufigste und markanteste Besonderheit der brandenburgischen Frauentrachten bestand im schwarzen Seidenkopftuch, das oben auf dem Kopf zum Knoten oder zur möglichst großen Schleife gebunden wurde. Es wurde offenbar in den ersten Jahrzehnten auch im Alltag getragen.

Frauentracht des Havellandes um 1850: links Arbeitskleidung, rechts Ausgangs- oder Festtracht mit Schleifenhaube, Keulenärmeljacke, Rüschenkragen und Schultertuch

Das hauptsächliche Verbreitungsgebiet lag nördlich von Fläming und Niederlausitz und reichte mit Ausnahmen bis an die westlichen Randgebiete des heutigen Brandenburg (westliches Havelland, westliche Prignitz) heran und möglicherweise sogar bis in die nördliche Uckermark.

Erntefest in der Uckermark, Lithographie von 1881

Ein weiteres häufiges Merkmal war der kreisrunde, weiße Rüschenkragen, der recht dezent sein konnte (Oderwenden), aber häufiger bis auf oder sogar über die Schultern reichte (Havelland, Lebuser Land, Oderbruch). Er war meist nicht steif, sondern fiel in weichen Falten vom Hals weg.

Bauernfrau, wahrscheinlich Oderregion oder Neumark, Gemälde von Prof. Reinhold Koch-Zeuthen, 1942


Es gab auch Gegenden, wo weder das schwarze Seidenkopftuch noch der Rüschenkragen üblich waren (z.B. Dahme, Fläming, Elbe-Elster-Kreis, Oberhavel).

Ansonsten bestanden alle Frauentrachten der Mark aus den typischen traditionellen Kleidungsstücken Unterhemd, Bluse, Mieder, Unterrock, Rock, Schürze, Strümpfe, Schultertuch und Haube oder Kopftuch. Rock und Mieder waren oft zu einem Kleiderrock zusammengenäht. Dazu gehörte eine gefütterte Jacke und ein warmes Umschlagtuch für die kalte Jahreszeit.

Wenn die Schürzenbänder oder ein Taillenband zur dekorativen Schleife gebunden wurden, so befand sich diese stets vorn oder hinten in der Mitte. Es sind nach bisheriger Kenntnis keine Hinweise überliefert, dass die Schleife historisch wie beim modernen Dirndl oder den heutigen Spreewaldtrachten seitlich an der Taille getragen wurde.

Vier Frauen in historischer Tracht des Dahmer Landes mit Miedern, langen Röcken, Schürzen, Brusttüchern und Schmuckbändern und Kopftüchern
Historische Frauentracht aus dem Dahmer Land um Dahme (Mark)

Das Mieder der festlichen Tracht war in den überlieferten märkischen Trachten überwiegend schwarz, möglichst aus Samt, mancherorts mit Streublümchen bestickt und mit farbigem Seidenband besetzt (Lebuser Land, Oderbruch). Die Röcke waren ursprünglich buntgestreift oder blaugefärbt bzw. -bedruckt und sehr weit, mit Saumlängen ab 3,5 m. Später waren sie aus einfarbigen oder bedruckten Fabrikstoffen, meist Wolltuch, und mit mehreren Samt- bzw. Seidenbändern parallel zum Saum besetzt. Die Anzahl dieser Bänder und weiterer Besätze wie Litzen und Borten war lokal genau festgelegt und zeigte den sozialen Status der Trägerin an. Die Schürzen und Schultertücher spielten eine entscheidende Rolle beim Outfit. Ihre Farbgebung und Qualität signalisierten den Anlass, zu dem sie getragen wurden. Grobes, blaugefärbtes Leinen für die Arbeit, feineres Blaudruckleinen für den Alltag, Samt, Spitze und Seide für besondere Anlässe.
Zum Festschmuck gehörten leuchtend bunt gewebte oder bestickte Seidenbänder, Broschen und Halsketten aus Bernstein- oder Glasperlen.

Flügelhauben-Kirchgangstracht aus dem Fläming, vermutlich um 1870

Die schwarze bzw. schwarz-weiße Kirchgangstracht der protestantischen Märkerinnen war nicht nur ein religiöses Erfordernis, sondern auch Zeichen höchster Feierlichkeit und des Wohlstands. Denn schwarzgefärbte Stoffe waren die teuersten.

Wie sah Brandenburger Männertracht aus?

Alle Brandenburger Männertrachten waren, wie bereits oben erwähnt, deutlich von den preußischen Soldatenuniformen beeinflusst. Sie machten außerdem im Laufe des 19. Jahrhunderts eine prägnante Farbentwicklung durch.
Färben war lange aufwändig und teuer. Die in den Dörfern verwendeten Naturfarben blichen in Sonne und Regen schnell wieder aus, also machte man sich häufig gar nicht erst die Mühe und trug überwiegend ungefärbte Naturstoffe von weiß bis dunkelbraun, oder zu Festtagen neue Kleidungsstücke, bei denen die Farben noch nicht verblasst waren. Wer da einen lichtecht leuchtend blauen („Preußischblau“), abgelegten Soldatenmantel trug, der fiel auf dem Dorf entsprechend auf und trug ihn so lange es nur ging.

Fläminger Festtracht: bunte Flügelhaubentracht der Frau und (als Brautbittertracht) überlieferte ältere ungefärbte Festtracht des Mannes

Ab etwa 1750 wurden preiswerte blaugefärbte Stoffe auf dem Land immer alltäglicher. Arbeitskleidung aus Leinen wurde besonders häufig blaugefärbt. Was zuvor durch seine kräftig blaue Farbe auffallen konnte, verlor nun seinen exklusiven Charakter. In der Festkleidung der Männer konnten sich deshalb helle Naturtöne, Weiß, Grau und Hellbraun noch lange als bewusster Gegensatz behaupten.

Männertracht aus dem Lebuser Land an der Oder: lange blaue Bauernröcke mit zahlreichen Metallknöpfen; rechts die ältere pelzverbrämte Samtmütze, die nicht nur in der Mark fester Bestandteil der alten Männertrachten war

Erst ab 1850 wurde die dunkelblaue Festkleidung aus feinem, gekauftem Tuch für märkische Landmänner ein paar Jahrzehnte lang zum erschwinglichen Statussymbol, bis es zu billig wurde und die Eisenbahn mit den Städtern immer häufiger die neueste städtische Mode aufs Land brachte.

Mann aus den „Buschdörfern“ bei Treuenbrietzen im städtisch beeinflussten Gehrock, um 1900

Die nächste Statusfarbe war daher Schwarz. Denn farbechte, schwarze Tuche waren immer noch extrem teuer und galten bei den Städtern als ultimatives Symbol von Wohlstand, Würde und Moral. Die Bauern konnten sich da nicht lumpen lassen und trugen fortan, etwa ab 1880, ebenfalls feierliches Schwarz als Festtracht.

Warum verschwanden viele märkische Trachten?

Das Verschwinden der Tracht steht in engem Zusammenhang mit ihrer Entstehung. Jahrhundertelang regelten Kleiderordnungen, welche Stoffe, Farben, Pelze, Spitzen und Schmuck die verschiedenen Stände tragen durften. Auch wohlhabende Bauern konnten ihren wirtschaftlichen Erfolg deshalb nicht beliebig durch kostbare Kleidung zur Schau stellen. Die ständische Ordnung sollte auch äußerlich sichtbar bleiben. Die Bauern wurden also mit Macht daran gehindert, sich entsprechend ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten zu schmücken. Das traf besonders die jungen Leute, die dem anderen Geschlecht auf dem Heiratsmarkt auffallen wollten, nicht zuletzt durch Zurschaustellung des Wohlstands ihrer Familie. Aber es kränkte auch die erfolgreichen, freien Bauern in ihrem Stolz und ihrem Bedürfnis nach Anerkennung.

„Der Uckermärker und die Importierten“, Theodor Hosemann, 1864: Ein Ziegenhirt in älterer uckermärkischer Kleidung betrachtet zwei modisch gekleidete Städter.

Mit den preußischen Reformen ab 1807 begann sich die ständische Ordnung grundlegend zu verändern. Die Erbuntertänigkeit wurde aufgehoben, grundherrliche Bindungen und Lasten wurden in einem längeren Prozess abgelöst und ein wachsender Teil der bäuerlichen Bevölkerung gewann wirtschaftliche und persönliche Selbständigkeit. Das führte zu enormem Selbstbewusstsein. Als gleichgestellte Staatsbürger hatten die Bauern nun die gleichen Freiheiten sich zu kleiden wie das Bürgertum. Und die bäuerliche Kreativität schwelgte nach Kräften im textilen Rausch der Farben, Formen und Ornamente, in vielen Dörfern und Regionen auf jeweils eigene Weise, mehr und mehr bis zur höchsten Prachtentfaltung ab etwa 1850. Die Festtracht wurde zum mobilen Statussymbol, in das entsprechend investiert wurde. Ein Bankkonto zum Anziehen sozusagen.

Junges Bauernpaar in festlicher Weizackertracht aus der Gegend um Pyritz, heute Pyrzyce in Polen; rings um dieses Trachtengebiet trugen die Frauen „Mütze und Kopftuch“, also die Schleifenhaubentracht

Währenddessen ging die gesellschaftliche Entwicklung weiter. Die fortschreitende Industrialisierung und neue Technologien, welche attraktive Textilien und Kurzwaren immer preiswerter und leichter erhältlich machten, sowie die Eisenbahn förderten zunächst die Entwicklung prächtiger Volkstrachten. Außerdem suchten die Herrschenden (wegen der territorialen Umstrukturierungen in Folge der Befreiungskriege) nach Möglichkeiten, die neuen regionalen Identitäten gezielt zu festigen. Die Bauern fanden mit ihren Festtrachten öffentliche Anerkennung, wurden sogar bei Hofe darin empfangen und drehten immer weiter auf. Besonders die reichen Bäuerinnen kannten bald keine Zurückhaltung bei immer mehr bei Samt, Seide, Spitze und aufwendiger Stickerei.

KI-Darstellung einer Dampflok mit Waggons um 1870

Die Städter fuhren mit der neuen Eisenbahn nun häufiger aufs Land und entdeckten dort die malerische Romantik des „unverfälschten, einfachen Landlebens“. Sie kauften Bilder und Fotos mit den Trachten der Bauern, die dieses Leben symbolisierten. Wer auf solchen Bildern zu sehen sein wollte, musste also eine Sehenswürdigkeit sein, und besonders die reichen Bäuerinnen überboten sich gegenseitig in spektakulär ausgestatteten Kostümen für die Fototermine. Damit begann sich auch die Funktion der Tracht zu verändern. Was ursprünglich selbstverständliche Festkleidung gewesen war, wurde zunehmend auch als etwas Typisches, Malerisches und Vorzeigbares wahrgenommen. Fotografen, Ausflügler und nicht zuletzt Trachtenfeste förderten unbewusst die besonders auffälligen Formen. Diese Auffälligkeiten wurden von den jüngeren Generationen aber zunehmend als lächerlich und altmodisch empfunden, und sie verabschiedeten sich Stück für Stück oder gleich ganz konsequent davon.

Um 1900 war der schwarze Sonntagsstaat aus gekauftem Tuch ein Muss für den Herrn von Welt. Man wollte nicht mehr anhand der Kleidung als Bauer erkannt werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich bei vielen märkischen Landmännern der schwarze bürgerliche „Sonntagsstaat“ weitgehend durchgesetzt. In dieser Übergangszeit sieht man z.B. auf Hochzeitsfotos den Mann im bürgerlichen Sonntagsstaat und die Frau im vollen Ornat der bäuerlichen Brauttracht.

Frau in der farbenfrohen Sonntagstracht des Dahmer Landes und des Ländchens Bärwalde. Sie trägt noch handbestickte Wolltücher als Kopf- und Schultertuch

Die gigantischen Hauben wurden zunächst von bunten Kopftüchern abgelöst, bis auch diese abgelegt wurden, um die schönen, modernen Frisuren zu zeigen.

Tendenziell galt: Je unzugänglicher die Dörfer, desto länger hielt sich die Volkstracht dort in ihrer eigentlichen Form, z.B. im Spreewald. Je dichter die Dörfer an den Städten und Eisenbahnlinien lagen, desto schneller und stärker setzte sich dort der städtische Einfluss durch. In vielen Gegenden wurde die Volkstracht schon um 1870-1880 höchstens noch von den alten Leuten getragen und war bald völlig vergessen. Manche der heute bekannten späten Trachtenaufnahmen entstanden bereits zu einem Zeitpunkt, als die dargestellte Kleidung im Alltag so gut wie gar nicht mehr getragen wurde. Für Fotografen, Heimatfeste oder z.B. Kaiserbesuche (wie am 04.09.1900 in Buckow bei Beeskow) wurden erhaltene ältere Kleidungsstücke noch einmal hervorgeholt und angelegt. Der industrielle Fortschritt, der die prachtvollen Bauerntrachten erst möglich gemacht hatte, war am Ende auch ihr Totengräber.

Tracht im Kreis Beeskow-Storkow, Buckow bei Beeskow. Foto von 1900
Tracht um Beeskow und wahrscheinlich auch Storkow. Foto von 1900 anlässlich des Kaiserbesuchs in Szene gesetzt.

Brandenburger Tracht heute

Nachdem wir geklärt haben, was Brandenburger Tracht früher war, können wir uns nun dem zuwenden, was sie heute sein kann. Tracht war nie das Gegenteil von Mode. Sie war eine regionale Art, mit Mode umzugehen. Sie war nicht uralt, irgendwie ursprünglich und unverfälscht, sie war lebendig wie die Menschen, die sie trugen. Sie entwickelte sich mit dem technischen Fortschritt zu immer größerer Pracht, bis sie mit den immer schnelleren Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt schließlich nicht mehr Schritt halten konnte.

Tracht ist heute kein bäuerliches Standessymbol mehr. Schon weil es den Bauernstand, in dem sie einst entstand, nicht mehr gibt. Tracht ist heute ein Symbol der gewählten Zugehörigkeit zum Land und zu den Menschen, die vor einem hier gelebt haben. Sie unterliegt keiner strengen sozialen Kontrolle mehr, zum Glück – obwohl selbst diese Funktion der Tracht einmal gute Gründe hatte. Tracht konnte auch ein Loyalitätsbekenntnis gegenüber den Menschen sein, die auf einen zählten. Diese Bedeutung kann sie heute wieder bekommen – aber nicht als Muss, sondern als freie Wahl. Sie kann Signal einer stillen Übereinkunft sein, zusammenhalten zu wollen.

Märkische Männer-Outfits, historisch inspiriert
Vier moderne Männerlooks, inspiriert von historischen Brandenburger Männertrachten

Dabei muss niemand altmodisch aussehen. Das wollten die Trachtenträger früherer Generationen auch nicht. Sie strebten danach, vorteilhaft gekleidet zu sein und attraktiv auszusehen. Niemals hätten sie ohne Not Klamotten von Anno dunnemals angezogen. Höchstens zum Abtragen bei der Arbeit, wenn sie dafür noch gut genug waren. Historische Tracht war für ihre Träger kein historisches Kostüm, sondern einfach ihre normale, gegenwärtige Kleidung.

Zwei nur leicht trachtig angehauchte Looks für Frauen, inspiriert von Elementen historischer märkischer Frauentrachten
Schluppen- oder Rüschenbluse, Samtmieder oder Samtgürtel, Faltenrock oder weite Hose – das märkische Trachtenzitat ist immer dabei.

Will man also heute moderne Brandenburger Tracht haben, muss es normale, gegenwärtige Kleidung sein, die heutige Schönheitsideale und Komfortgewohnheiten berücksichtigt. Gerade die aufwändigsten Formen der Festtracht verschwanden nicht zuletzt deshalb, weil sie im Vergleich zur modernen Kleidung zunehmend umständlich, pflegeintensiv und unbequem waren.

Das ist der Grund für diese Webseite. Wir wollen anregen, sich traditionell brandenburgisch zu kleiden – aber mit modernen, einfach zu findenden Kleidungsstücken, die leicht anzuziehen, zu kombinieren und zu pflegen sind und dabei modisch aktuell aussehen.

Was wäre, wenn die märkische Kleidungstradition nicht abgebrochen wäre, sondern sich weiterentwickelt hätte? Die Brandenburger standen am Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr vor der Wahl, an ihrer überlieferten Tracht festzuhalten oder sie abzulegen und der modernen Mode zu folgen. Wir dagegen können heute aus einem nahezu unendlichen Angebot moderner Kleidung genau jene Stücke auswählen, die Formen, Farben und Gestaltungsideen der märkischen Trachten erneut aufnehmen.

Wir können märkische Tracht dort weiterführen, wo sie heute vielleicht wäre, wenn sie damals nicht abgelegt, sondern weiterentwickelt worden wäre.

Tracht tragen, ohne verkleidet auszusehen

Wo fängt man an, die früheren märkischen Trachtentraditionen wieder sichtbar zu machen? Am besten da, wo wir gegenwärtig sind. Wer heute in Brandenburg nach „Tracht“ für eine Veranstaltung sucht, landet meist bei Oktoberfestmode im alpenländischen Stil: Dirndl mit tiefem Dekolleté, kurzem Rock und schmaler Schürze, Lederhose, Hirschhornknöpfe, karierte Hemden, Janker und Gilets.

Außer man wohnt im Spreewald oder im Fläming – dort gibt es noch die überlieferten oder nachempfundenen Trachten, mit denen sich zu feierlichen Gelegenheiten in erster Linie Frauen schmücken, während die Männer daneben nicht selten im modernen Anzug auftreten.

Bei Oktoberfest-Veranstaltungen, bei denen „Tracht“ alljährlich auch in Brandenburg zum Thema wird, begegnet man den sorbischen Trachten dagegen kaum. Für ihre Trägerinnen sind sie keine beliebige Festverkleidung, sondern Ausdruck einer bis heute lebendigen kulturellen Tradition. Dazu kommt der erhebliche Aufwand: Das Anlegen einer wertvollen, teilweise handgenähten und handbestickten Festtracht kann Stunden dauern.

Frau und Mann in märkisch inspirierten Oktoberfest-Outfits
Märkisch inspirierte Oktoberfest-Outfits für Frauen und Männer | KI-generiert

Die alpenländische Trachtenmode hat uns jedenfalls den Gefallen getan, Mieder, Rock und Schürze bis heute als attraktive und vertraute Kleidungsstücke zu erhalten. Überhaupt ist die alpenländische Trachtenmode dem Brandenburger und der Brandenburgerin von heute ein vertrauter Anblick. Natürlich wird man als „bayerisch“ gekleidet wahrgenommen, aber es ist als traditionelle Kleidung erkannt und akzeptiert.

Wer ein Outfit für eine Oktoberfest-Veranstaltung sucht, ist ohnehin daran gewöhnt, bei spezialisierten Online-Anbietern nach passenden Kleidungsstücken zu stöbern. Man muss also gar nicht anders einkaufen als bisher. Man muss nur die Kleidungsstücke nach anderen Kriterien auswählen. Und wenn man dann in einem Oktoberfest-Outfit vor dem Spiegel steht, das sich nicht an Bayern, sondern an märkischen Trachtentraditionen orientiert, trägt man plötzlich märkische Tracht von heute, ohne sich wie ein Museumsexponat zu fühlen. Man sieht dann später im Festzelt weniger „bayerisch“ und mehr brandenburgisch aus, ohne großartig aufzufallen. Das wäre doch was?

Zwei Oktoberfest-Looks für Brandenburger Männer
Links: Bierkutscherweste und Knickerbocker zu zünftigen Schaftstiefeln; Rechts: blaue Trachtenweste aus Samt zu traditionellen Lederkniebundhosen und blauer Kabanjacke

Wie das konkret aussehen kann, zeigen die modernen Brandenburger Looks auf dieser Webeite. Es gibt Vorschläge für Frauen und Männer, vom einzelnen Trachtenelement in normaler Alltagskleidung bis zum vollständigen festlichen Outfit. Wer einzelne Kleidungsstücke miteinander kombinieren möchte, wird bei Mix & Match für Männer und Frauen fündig. Ideen, Anleitungen und Videos zum Selbernähen gibt es unter Selbermachen. Wer Genaueres über die historischen märkischen Trachten erfahren möchte, kann hier weiterlesen. Und wer Fragen hat, der kann uns auf diesem Wege kontaktieren.