
Ein gerade in der WELT erschienener Beitrag trägt den bemerkenswerten Titel „Tracht ist ein Gegenmittel zur Verwahrlosung der Mode“. Rebecca Brodsky beschreibt darin etwas, das für mich ein vertrautes Thema ist: Unsere Kleidung wird trotz einer scheinbar grenzenlosen Auswahl immer einheitlicher. Globale Trends, Freizeitkleidung und schnell wechselnde Moden haben regionale Unterschiede weitgehend verschwinden lassen.
Der Gegenentwurf dazu ist die Tracht. Nicht unbedingt als historische Kleidung, sondern als Inspirationsquelle mit traditionellen Formen, Materialien und Kleidungsstücken, die sich auch mit heutiger Mode interpretieren lassen.
Bis hierhin kann ich nur zustimmen. Doch dann schüttele ich still mit dem Kopf, denn als Vorbild für zeitlose Eleganz empfiehlt sie vor allem die klassischen Silhouetten der bayerischen Tracht. Für Menschen außerhalb Bayerns schlägt die Autorin einen zurückhaltenden Umgang mit bayerischen Trachtenelementen vor, etwa einen Janker zur Bundfaltenhose.
Aber wenn Tracht tatsächlich ein Gegenmittel zur globalen modischen Vereinheitlichung sein kann, warum sollten wir dann ausgerechnet mit Tracht die nächste Vereinheitlichung schaffen?
Deutschland hat mehr als nur eine Trachtentradition
Dass wir beim Wort „Tracht“ heute beinahe automatisch an Dirndl, Lederhose und Janker denken, bedeutet nicht, dass andere deutsche Regionen keine eigenen bäuerlichen Kleidungsgewohnheiten hatten.
Auch in Brandenburg z.B. gab es typische Bekleidungstraditionen. Die historischen Trachten der Mark sind heute nur wesentlich weniger bekannt. Viele verschwanden bereits im 19. Jahrhundert oder wurden so früh von städtischer Mode verdrängt, dass sie kaum noch Teil unseres kulturellen Gedächtnisses sind.
Dabei gab es keineswegs nur die heute noch bekannten Trachten des Spreewaldes und des Flämings. Vom Havelland über die Uckermark und das Ruppiner Land bis in die Gebiete an Oder und Neiße lassen sich unterschiedliche regionale Formen nachweisen.
Und gerade bei der Männerkleidung zeigt sich etwas Interessantes: Vieles davon sieht für heutige Augen erstaunlich wenig nach dem aus, was wir inzwischen unter „Tracht“ verstehen. Weiße Hemden, blaue Westen, lange oder kurze blaue Jacken, Kniehosen und lange Hosen, Halstücher, Mäntel, Stoffe wie Wolltuch und Leinen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderten sich Farben, Stoffe und Schnitte. Auch städtische Mode wurde aufgenommen und regional weiterentwickelt.
Das ist kein exotischer Kostümfundus – es ist eine eigene Kleidungsgeschichte.
Wenn Regionalität, dann in ihrer ganzen Vielfalt
Rebecca Brodsky schreibt in ihrem Beitrag einen Satz, dem ich besonders gern zustimme: Entscheidend sei Authentizität.
Genau deshalb lohnt es sich, den Gedanken regionaler Kleidung weiterzuführen und nicht nur auf Bayern zu fokussieren. Ein Brandenburger, ein Niedersachse oder ein Westfale muss nicht auf bayerische Trachtenmode zurückgreifen, um der globalen Einheitsmode etwas entgegenzusetzen. Wir können genauso fragen: Was hat man eigentlich hier bei uns getragen? Und anschließend kommt für mich die viel spannendere Frage: Was davon können wir heute wieder tragen?
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, historische Trachten vollständig zu rekonstruieren und Menschen des 21. Jahrhunderts wieder so anzuziehen wie ihre Vorfahren vor 150 oder 200 Jahren.
Historische Kleidung ist für mich kein Regelbuch. Sie ist Anregung zur Neuinterpretation. Eine bestimmte Jackenform, eine Weste mit auffälligen Metallknöpfen, ein rotes Halstuch zum dunklen Anzug. Oder ein gestreifter Rock, ein Mieder über einer modernen Bluse. Eine historische Farbkombination, übertragen auf Kleidungsstücke, die man heute tatsächlich kaufen und tragen kann. Manchmal genügt ein einziges Element, und es entsteht daraus ein vollständiger Look. Auch da stimme ich mit Frau Brodsky überein.
Regionale Mode darf wieder regional aussehen
Vielleicht liegt genau darin eine Möglichkeit, die Idee der Tracht aus ihrer heutigen Nische herauszuholen. Wir müssen nicht überall wieder Tracht tragen. Aber wir könnten uns wieder erlauben, unterschiedlich auszusehen.
Ein märkisch inspirierter Look darf anders aussehen als ein bayerischer und auch anders als ein mecklenburger. Kleidung aus dem Rheinland darf andere Traditionen aufnehmen als Kleidung aus Sachsen, Friesland oder Schwaben. Und niemand muss dafür aussehen, als sei er auf dem Weg zu einer historischen Vorführung.
Wenn Tracht wirklich ein Gegenmittel zur globalen Einheitsmode sein soll, dann sollten wir ihre größte Stärke nutzen: ihre regionale Vielfalt. In diesem Punkt würde ich den Grundgedanken des WELT-Beitrags von Frau Brodsky deshalb durchaus noch ein Stück weiterführen. Tracht statt Einheitsmode? Sehr gern. Und zwar in aller Vielfalt, die zu Gebote steht.
Anlass für diesen Beitrag: Rebecca Brodsky: „Zeitlose Eleganz: Tracht ist ein Gegenmittel zur Verwahrlosung der Mode“, WELT, 15. September 2026.

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